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Ein kurzer Ausflug in die Geschichte der Tapete und andere Kuriositäten

Wirklich nur kurz

Bevor es losgeht

Bevor wir uns auf den Weg durch die Geschichte der Tapete machen, halten wir bei Mustern und Ornamenten. Diese Elemente spielen in der Geschichte der Tapete eine Schlüsselrolle. Willkommen also in der Steinzeit! Damals, vor 40 – 30 000 Jahren fing der Mensch zum ersten Mal an, Gegenstände zu verzieren. Wir werden es wohl nicht erfahren, was die ersten Schöpfer motivierte, Ornamente zu kreieren. In der Fachwelt wird die Ansicht vertreten, dass hier weniger die Ästhetik als eher rituelle Hintergründe eine Rolle spielten.

Das erste Muster

Die ältesten verzeichneten Muster waren X- oder V-förmige Linien, Dreiecke, Vielecke, aber auch Bogen und Kreise. Diese ersten einfachen Muster bildeten durch Reihung die ersten Ornamente. Es handelte sich um eine einfache dekorative Geometrie. Interessanterweise hat das Wort „Ornament“ seinen Ursprung im lateinischen „ornare“, „schmücken“. Das Ornament an sich hat keine Funktion, einen Sinn erhält es erst durch Verwendung auf einem Gegenstand oder Material.

Erfindung des Papiers

Die Erfindung des Papiers war für die Tapete von entscheidender Bedeutung. Im Kalender haben wir gerade einen Riesensprung gemacht – in das Jahr 105 n. Chr. nach China. Und obwohl die Chinesen darauf bedacht waren, das Geheimnis der Papierherstellung zu hüten, kam es um 800 in den Nahen Osten und von dort aus im 12. Jahrhundert nach Europa.

Vorläufer der Tapete

Im Mittelalter wurde goldgeprägtes Leder auf Holzrahmen gezogen, mit denen Wände bekleidet wurden. Diese Wandbekleidung nannte man Spanischleder. Jedem war sofort klar, woher diese Mode kam. Die Wandbekleidung hatte aber auch eine andere Funktion – das Leder dämmte gut die kalten mittelalterlichen Steinwände. Zu den Vorläufern der Tapete gehört neben Leder auch die Tapisserie. Die Papiertapete war dann eigentlich nur ein billigerer Ersatz für teure, den Reichen vorbehaltene Tapisserien und das Spanischleder.

Handbemalte Tapeten

Tapeten wurden zunächst nicht gedruckt, sondern handbemalt. In diesem Punkt lässt sich die Geschichte exakt rekonstruieren: Es war Jean Bourdichon, ein französischer Maler und Illuminator, der 1481 für Ludwig den XI. 50 bemalte Rollen Papier mit Engeln auf blauem Grund anfertigte. Einen Aufschwung erlebte die Papiertapete Ende des 15. Jahrhunderts. Mit ihr wurden nicht nur Wände, sondern auch Schränke und Bücherregale dekoriert.

Man beginnt zu drucken

Einen wesentlichen Anteil am Aufschwung des Tapezierens hatte die französische Familie Papillon. Jean Papillon, der als Erfinder der Mustertapete gilt, gründete die erste Tapetenfabrik und stellte 1688 die erste Papiertapisserie her. Sein Sohn Jean Michel Papillon, ein berühmter Graveur und Drucker, entwickelte die Kunst des Vaters weiter. Als Erster druckte er sog. „Dominopapiere“, also auf einzelne Papierbögen gedruckte rapportierende Muster. Obwohl dieses Verfahren sehr aufwendig und teuer war, hielt es sich bis ins 18. Jahrhundert.

Herrschaft Frankreichs und Englands

Eine Voraussetzung für die Herstellung von Tapeten mit rapportierenden Mustern war eine fortgeschrittene Drucktechnik. Führend waren auf diesem Gebiet vor allem England und Frankreich. Jean Baptiste Réveillon, ein Kurzwaren- und Papierhändler, begann 1753 Tapeten aus England zu importieren. Das Geschäft war so erfolgreich, dass er es wagte, die Mitgift seiner Ehefrau in die eigene Produktion zu investieren. Das war auf jeden Fall kein Fehler. Sein Papier bleu d'Angleterre wurde sehr populär und schaffte es bis an die Wände der königlichen Residenz von Marie Antoinette. Réveillon wurde Hoflieferant und jedermann von Rang und Namen musste seine Tapeten haben. Nach der Französischen Revolution floh Réveillon nach England, wo er eine neue Fabrik eröffnete. Und so ist nach Frankreich wieder England zur Nummer Eins in der Tapetenindustrie geworden.

Endlich gedruckte Tapetenrollen!

Bleiben wir noch kurz in England, wo schon im 17. Jahrhundert sehr viel gedruckt wurde. Engländern verdanken wir die Erfindung der Tapete als Rollenware (1830), die die einzeln bedruckten Papierbögen passé machte. Die Herstellung wurde günstiger und die Tapete fand überallhin Eingang – auch in die Kinderzimmer. Die erste Maschine zur Herstellung der Tapeten lief aber in Frankreich. Der französische König Ludwig XVI. legte im Jahr 1778 per Dekret die Tapetenlänge auf 34 Fuß, also ca. 10 m fest. (Die europäischen Standardmaße sind heute 0,53 x 10,05 m). Ob die Tapeten in Frankreich auch gerollt wurden, ist allerdings nicht sicher.

Beihnahe in der Gegenwart

Im 19. Jahrhundert werden die Tapeten im großen Stil hergestellt, und technische Probleme spielen keine entscheidende Rolle mehr. Hand in Hand mit dem technischen Fortschritt wird auch die Palette der Tapetenmaterialien weiterentwickelt. Tapeten werden für breite Masse erschwinglich. In Tschechien erlebten Tapeten in den 70. und 80. Jahren des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Sie wurden aus einem dünnen Papier hergestellt und in den Plattenbauwohnungen direkt auf Beton geklebt. Wer mal versucht hat, sie zu entfernen, wird sich an die vergebliche Mühe erinnern!

Heutzutage stehen Tapeten aus Vlies, Vinyl, Textil oder aus dem guten alten Papier zur Auswahl. Die Unterschiede liegen in den Eigenschaften und im Klebeverfahren. Das Hauptkriterium bei der Wahl ist das Design. Dank Digitaldruck ist hier das Angebotsspektrum wirklich unbegrenzt.

 

Motive in der Geschichte der Tapete

Renaissance

Florale, symmetrisch angeordnete Motive waren Textilstoffen nachempfunden. Die Modetrends kamen vor allem aus Norditalien. Andere beliebte Motive waren Ornamente, die von maurischen Malereien und Mosaiken inspiriert waren. In England wurden in dieser Zeit Ahnenporträts und Adelswappen gedruckt.

Barock

Holzoberflächen imitierende Tapeten wurden durch opulente, prunkvolle Muster mit Naturmotiven in satten Farben abgelöst. Inspiriert wurden sie durch Seidenbrokat und Gobelins mit Jagdmotiven. Englische Muster imitierten Textilien wie Stickereien und Spitzen. Verbreitet war auch die Imitation von Putz oder Marmor.

Spätbarock

Die barocke Opulenz machte der Leichtigkeit und der Anmut Platz. Verbreitet waren nun farbige Blumendekore, und auch chinesische Motive wurden imitiert. Beliebt waren stilisierte weiße Blumen, Vasenmotive, oft sah man auch die sog. Rocaille, ein stilisiertes Muschelmotiv. Satte Farbe wichen Pastellen.

19. bis 20. Jahrhundert

Alle bedeutenden Kunstrichtungen hinterließen ihre Spuren auf den Tapeten: Jugendstil, Art déco, Bauhaus, Funktionalismus, Pop Art und Op-Art. Selbstverständlich nahmen die Tapetentrends nicht immer Rücksicht darauf, was in den bildenden Künsten passierte. Sie wurden und werden in den unterschiedlichsten Motiv-, Material- und Farbvarianten verkauft.

 

Kuriositäten

Tapeten in der Luft

1783 lieferte Réveillon farbige Tapete für die legendäre Montgolfiere, also den ersten Heißluftballon. Der Heißluftballon startete in Versailles. Sie können sich vorstellen, was für ein Ereignis das war!

Chinesische Tapeten

Schon seit dem 17. Jahrhundert zeichneten Chinesen auf das weiße Seidenpapier charakteristische, einzigartige Blumen, Vögel, Bäume, Felsen und Pagoden. Obwohl sie schon drucken konnten, gewann die Handmalerei und mit ihr auch eine wunderbare Originalität. Die Tapeten, die nicht eben billig waren, wurden nach Europa und Amerika exportiert.

Kupfernägel

Im 17. Jahrhundert wurden die Tapeten noch nicht an die Wand geklebt. Sie wurden auf Leinwand geklebt, die ihrerseits mit Kupfernägeln an der Wand befestigt wurde. Um die unschönen Nägelköpfchen zu verdecken, verwendete man elegante Bordüren. Obwohl man später die Nägel nicht mehr benutzte, blieb die Bordüre – waagerecht geklebte Tapetenrolle – bis heute erhalten.

Deckentapeten

Sie waren nicht ungewöhnlich. Und weil sie an der Decke nicht so beansprucht wurden wie an den Wänden, sind sie relativ ganz gut erhalten (z.B. in Christ´s College in Cambridge). Deckentapeten wurden seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts benutzt. Als ihr Dekor setzten sich Holzimitationen und ausgeschnitzte Muster durch.

Todesstrafe

In England waren Tapeten sehr beliebt, was auch den Steuerbehörden nicht entgangen ist. Der Import wurde anfangs verboten. 1712 wurden Tapeten zur Luxusware deklariert und dementsprechend besteuert. Die Steuerbeamten gingen in Geschäfte und markierten jeden Tapetenbogen noch vor dem Kleben mit einem Schutzzeichen. Ein zweites Schutzzeichen brachten sie nach dem Kleben bei den Kunden zu Hause an. Um der Steuer zu entgehen, ließen die Leute zum einen die Tapeten erst zu Hause kolorieren. Zum anderen wurden die Schutzzeichen gefälscht. All das ging so weit, dass 1806 die Fälschung der Schutzzeichen unter Todesstrafe gestellt wurde.



Jan Slovák
jan@lavmi.cz

 

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